Perspektiven von Usability

DIN EN ISO 9241-11 – Anforderungen an die Gebrauchstauglichkeit – Leitsätze

Die ISO Norm 9241-11 „Anforderungen an die Gebrauchstauglichkeit – Leitsätze“ ist einer der ursprünglich 17 Teile des EN ISO 9241-Standards. Die aktuelle Bezeichnung von 9241 lautet „Ergonomie der Mensch-System-Interaktion“ und verdrängte weitgehend die bisherige Bezeichnung „Ergonomische Anforderungen für Bürotätigkeiten mit Bildschirmgeräten“, um nicht mehr explizit auf Büroarbeit zu verweisen.[1] ISO 9241-11 beschreibt grundlegende Begriffe aus dem Usability-Kontext. Gebrauchstauglichkeit ist ein bedeutender Qualitätsfaktor beim Entwerfen von Produkten oder Systemen, da dadurch NutzerInnen das Produkt oder System effektiv, effizient und zufriedenstellend nutzen können.[2] In Abbildung 11 sind wichtige Bezeichnungen und Zusammenhänge der Gebrauchstauglichkeit visuell dargestellt. Anwendungsrahmen Gebrauchstauglichkeit

Abbildung 11: Anwendungsrahmen der Gebrauchstauglichkeit[3]
  Usability-Studien haben ihre Wurzeln in den 1970er Jahren, hauptsächlich kommend aus der Software-Psychologie. Der Fokus hat sich in den letzten Jahrzehnten verschoben in Richtung „Context of Use“. Dieser Kontext ist zurückzuführen auf unterschiedlichste Studien, welche Elemente identifizierten, die Einfluss auf Usability haben. Einige sollen nun genauer erläutert werden.[4] Nutzungskontext Der Nutzungskontext beschreibt die NutzerInnen, welche Arbeitsaufgaben mit Arbeitsmitteln (Hardware, Software und Materialien) in einer Umgebung erledigen. Als BenutzerInnen werden Personen definiert, welche mit Produkten oder Systemen arbeiten. Eine Arbeitsaufgabe beinhaltet die erforderlichen Maßnahmen zur Zielerreichung. Als Produkt wird jenes Arbeitsmittel bezeichnet, welches für Gebrauchstauglichkeit spezifiziert oder evaluiert wird.[5] Für den Nutzungskontext müssen die jeweiligen Komponenten beschrieben werden. BenutzerInnen haben zum Beispiel bestimmte Fähigkeiten und physische Merkmale. Oftmals macht es auch Sinn, mehrere NutzerInnen in Nutzertypen aufgrund von Erfahrungen zusammenzufassen. Aufgaben sind detailliert zu beschreiben, wenn sie die Gebrauchstauglichkeit beeinflussen, zum Beispiel durch Angabe der Dauer einer Tätigkeit.[6]   Maße der Gebrauchstauglichkeit Usability-Studien sind möglicherweise von nur eingeschränktem Wert, wenn sie an keiner Standard-Definition und Operationalisierung von Usability angelehnt sind. Die Auswertung von untersuchter Literatur zeigt, dass sich die Kernkonstrukte zur Messung von Usability, besonders auf die Faktoren Effektivität, Effizienz und Zufriedenheit beziehen. Andere Metriken wie Learnability, Accessibility oder Flexibility werden in der Literatur dementsprechend weniger angewendet. Dass jene drei Faktoren am häufigsten vorkommen ist nicht überraschend, da sich diese mittlerweile als Standard etabliert haben.[7] Die Maße der Gebrauchstauglichkeit werden in ISO 9241-11 wie folgt definiert:
Effektivität Die Genauigkeit und Vollständigkeit, mit der Benutzer ein bestimmtes Ziel erreichen.
Effizienz Der im Verhältnis zur Genauigkeit und Vollständigkeit eingesetzte Aufwand, mit dem Benutzer ein bestimmtes Ziel erreichen.
Zufriedenstellung Freiheit von Beeinträchtigungen und positive Einstellungen gegenüber der Nutzung des Produkts.
Tabelle 3: Maße der Gebrauchstauglichkeit nach ISO 9241-11[8]
  Damit Gebrauchstauglichkeit gemessen werden kann, müssen angestrebte Ziele, BenutzerInnen, Arbeitsaufgaben, Arbeitsmittel und die Umgebung beschrieben werden. Ziele können dabei in Teilziele zerlegt werden.[9] Für die Messung der Effektivität werden Ziele der NutzerInnen ins Verhältnis zu Genauigkeit und Vollständigkeit gesetzt. Effizienz setzt sich aus dem Verhältnis der Effektivität und dem Aufwand an Ressourcen zusammen. Zufriedenstellung wird durch die Einstellung der Nutzung eines Produkts beschrieben. Sie wird subjektiv, meist anhand von Skalen, gemessen.[10] Effektivität gilt als Grundlage für Effizienz: Wird ein Ziel nicht erreicht, war der Aufwand vergeblich. Effektivität ist aber auch in gewisser Weise Voraussetzung, dass Zufriedenheit eintreten kann: Ist der Aufwand zur Zielerreichung zu hoch, führt das in der Regel zu negativer Einstellung. Deshalb standen besonders in der Software-Ergonomie die Effektivität und Effizienz im Vordergrund. Eine einfache Bedienung („Ease of Use“) sollte Freiheit von Beeinträchtigungen bieten. Leicht bedienbare Systeme führen aber nicht zwingend zu Zufriedenheit, oftmals werden zu einfach anwendbare Systeme als langweilig empfunden. Die Nutzung von Anwendungen und Lösungen beinhaltet eine subjektive Komponente und muss für die NutzerInnen ansprechend und angenehm sein und im besten Fall Spaß machen (siehe dazu mehr in Kapitel 4.4 zum Thema Nutzungsfreude). Gemessen werden kann Effektivität etwa durch den prozentuellen Anteil an NutzerInnen, welche eine Aufgabe erfolgreich abschließen bzw. ein bestimmtes Ziel erreichen oder durch das Aufzeigen einer Anzahl an Fehlern in einem System. Ein Beispiel für die Messung der Effizienz ist der Zeitaufwand für die Durchführung von bestimmten Aufgaben. Zufriedenheit wird vor allem durch die Bewertung der AnwenderInnen gemessen (mehr dazu in Kapitel 5).[11] Die Verwendung von Standards erlaubt Konsistenz und Vergleichbarkeit mit anderen Usability-Studien. Die Usability-Dimensionen sind für mobile Applikationen und Technologien aufgrund der inhärenten Eigenschaften von mobilen Geräten, wie kleinen Bildschirmen oder der geringen Auflösung, von besonderer Bedeutung (dazu später mehr in Kapitel 6). Die vorliegende Arbeit konzentriert sich aus den eben genannten Gründen auf die in Studien mehrheitlich angewendeten Usability-Faktoren Effektivität, Effizienz, Zufriedenheit sowie Nutzungsfreude. Die Fragen, welche im Anschluss an die ProbandInnen gestellt werden, basieren ebenfalls auf der in der Literatur üblichen und bekannten standardisierten Fragestellungen.[12]  
[1] Vgl. Heinecke, 2011, S. 37.
[2] Vgl. DIN EN ISO 9241-11, 1999, S. 5.
[3] Vgl. Abbildung aus: DIN EN ISO 9241-11, 1999, S. 6.
[4] Vgl. Coursaris/Kim, 2011, S. 118.
[5] Vgl. DIN EN ISO 9241-11, 1999, S. 4f.
[6] Vgl. ebenda, S. 5.
[7] Vgl. Coursaris/Kim, 2011, S. 128ff.
[8] DIN EN ISO 9241-11, 1999, S. 4.
[9] Vgl. DIN EN ISO 9241-11, 1999, S. 5.
[10] Vgl. ebenda, S. 7.
[11] Vgl. Heinecke, 2011, S. 31ff.
[12] Vgl. Coursaris/Kim, 2011, S. 128ff.